Weltkulturerbe Streuobstlandschaften Europas

09.06.2015

Wildobst prägt unsere Naturlandschaften seit der nacheiszeitlichen Wiederbewaldung Mitteleuropas. Das Kulturobst ist erst über die Römer mit Wissen aus dem Orient und aus Griechenland zu uns gekommen. Hier war Karl dem Großen vorbehalten, erste Anordnungen zur Pflege von Obstgärten zu erlassen. Aus dieser Zeit stammen auch erste Obstveredelungsformen.

Streuobstwiesen sind attraktiv erlebbare Kulturlandschaften

In der Landschaft wurde Obst zunächst vorwiegend entlang von Straßen und Wegen kultiviert In Regionen mit Realteilung entstanden aber auch gemischte Obst- und Weinbaukulturen. Der Reblausbefall Ende des 19. Jahrhunderts führte zu einer Verdrängung des Weinanbaus durch Obst. Die entstandenen klassischen Streuobstwiesen wurden multifunktional auch als Mähwiese oder Viehweide genutzt. In der Blütezeit dieser einzigartigen europäischen Kulturlandschaft – Streuobstwiesen gab es überall in Mitteleuropa – zählte man um 1930 rund 170 Millionen ertragsfähige Hochstämme in den damaligen Grenzen Deutschlands.

Nach 1945 leitete die Intensivierung des Obstbaus dann den kontinuierlichen Niedergang einer tausendjährigen Hochstammkultur ein. Denn vor allem Tafelobst wurde überwiegend in Niederstammanlagen erzeugt. Dies war die Stunde des Naturschutzes, der die einzigartige Biodiversität dieses Lebensraums gefährdet sah. Ab etwa 1970 entstanden zahllose neu angelegte Streuobstwiesen mit Hochstämmen, um Steinkauz, Wendehals, Grünspecht und anderen an diesen Lebensraum gebundenen Arten dauerhaft ein Überleben zu sichern. Bei diesen Bemühungen standen die Erträge dieser Bäume und deren natürliche Qualität aber nicht im Vordergrund.

Streuobstwiesen lockern die Ästhetik von Landschaftsbildern auf

Erst die Rückbesinnung auf die mit diesem Kulturgut verbundene regionale Wertschöpfung durch kreative Ansätze der Regionalentwicklung haben ab 1990 die Streuobstprodukte unterschiedlicher Sorten als regionale Spezialitäten wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Und da besann sich auch der Tourismus des herausragenden Mehrwerts, den von Streuobstwiesen durchzogene Landschaften für Urlaubsgäste boten. FUTOUR Regionalberatung hat diese Entwicklung in der Rhön, auf Rügen, im Harzvorland, in der Eifel, im Odenwald, im Schwarzwald, in Altmühlfranken oder im Bayerischen Wald initiiert, begleitet bzw. die Marketingstrategien aufgezeigt. Und der Niedergang der Kulturlandschaft Streuobstwiese konnte zumindest gestoppt werden. Nach wie vor kämpfen aber heimische Streuobstprodukte mit ihren höheren Preisen um eine Wertschätzung bei den Verbrauchern, die beim täglichen Einkauf ohne nachzudenken, den billigen sowie vielfach behandelten Plantagenwaren aus aller Welt den Vorzug einräumen!

In Baden-Württemberg hat sich jetzt eine Initiative innerhalb der süddeutschen Streuobsttage (www.streuobsttage.de) gebildet, um ein UNESCO-Verfahren zur Anerkennung als Weltkulturerbe-Stätte einzuleiten, wobei eine zu benennende Fläche in einer Größenordnung zwischen 2.000 und 5.000 ha vorgesehen ist. Die UNESCO selbst beklagt den geringen Anteil traditioneller Kulturlandschaften in den bislang ausgewiesenen Weltkulturerbe-Regionen (www.unesco-welterbe.de ). Einer Aufnahme in die nationale Tentativliste zur Nominierung einer Welterbestätte als erstem Schritt, stehen jedoch noch vielfältige Hürden entgegen. Allein der Weg dahin ist es wert, ihn auch konsequent zu gehen.

Kontakt: Dieter Popp